Fünf Fragen an…Carolyn Klein zum Thema: “Niveau A1, B1, B2? Deutschkenntnisse von internationalen Bewerbern einordnen und überprüfen”

Fünf Fragen an…Carolyn Klein zum Thema: “Niveau A1, B1, B2? Deutschkenntnisse von internationalen Bewerbern einordnen und überprüfen”

08.07.2020

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ageneo-Mitarbeiter* und Geschäftspartner melden sich zu Wort: Von unseren Consultants bis hin zur Geschäftsleitung und langjährigen Wegbegleitern – hier hat jeder eine Meinung. Die Kollegen berichten über ihren Weg zur Personalberatung, was ihnen bei ageneo gefällt und geben Tipps für potenzielle Bewerber. Geschäftspartner berichten über Inside-News aus den Life-Sciences und vieles mehr.

Lesen Sie hier, was die unterschiedlichen Niveaustufen (A1-C2) über die Sprachkenntnisse von internationalen Bewerbern aussagen und wie es um die Messbarkeit des Spracherwerbs steht.

Liebe Frau Klein, erläutern Sie uns bitte, woran ein Arbeitgeber sich orientieren kann, wenn er die Sprachkenntnisse eines Bewerbers richtig einschätzen möchte.

Die Sprachbranche in Deutschland basiert überwiegend auf dem sogenannten GER (gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen). Prüfungen, Lehrwerke und Lehrpläne sind nach diesem 6-stufigen Modell konzipiert. Damit soll erreicht werden, dass die aktuelle Sprachkompetenz eines Lerners fortlaufend verschiedenen Niveaustufen zugeordnet werden kann, die von dem Anfängerniveau A1 bis zu dem annähernd muttersprachlichen Niveau C2 reichen.

Diese Stufen sind somit im Grunde nichts anderes als Schulnoten und werden auch in den verschiedenen Sprachzertifikaten wie beispielsweise von Telc oder dem Goethe – Institut vergeben. Arbeitgeber können sich ebenfalls an diesen „Noten“ orientieren und abhängig von dem jeweiligen Stellenprofil festlegen, welche Niveaustufe für die vakante Position von Nöten ist.

Was genau sagen die einzelnen Stufen über die Sprachkenntnisse eines Kandidaten aus?

Prinzipiell werden die Stufen mit sogenannten Kann-Beschreibungen näher definiert, die ich mir extra für unser Gespräch herausgesucht habe. Da heißt es dann beispielsweise bei Referenzniveau B1 über den Lerner:

Kann Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet.

Demgegenüber kann ein Lerner, der sich bereits eine Stufe höher auf                      Referenzniveau B2 befindet u.a. Folgendes:

Kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen, versteht im eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen. Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. Kann sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken.

Diese Kompetenzbeschreibungen sind in einem umfangreichen Katalog zusammengefasst, der neben allgemeinen Beschreibungen auch die einzelnen kommunikativen Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben, Hören und Sprechen ausdifferenziert. D.h. es lässt sich auch unterscheiden, ob ein Schüler z.B. in punkto Sprechen die geforderten Kriterien für ein bestimmtes Sprachniveau erfüllt, aber im Bereich Schreiben den Anforderungen noch hinterherhinkt. Eine nicht ganz unübliche Kombination! In den Sprachzertifikaten sind die Punktzahlen je nach Fertigkeit separat aufgelistet, sodass der Arbeitgeber die entsprechenden Niveaustufen leicht nachvollziehen kann.

Sprache ist ja keine Naturwissenschaft. Wie stehen Sie selbst zur Messbarkeit von Sprachkompetenz? Kann sich ein Arbeitgeber auf die Validität des GER wirklich verlassen?

Wir kennen das ja alle selbst noch aus der Schule. 2 + 2 = 4 und da gibt es nichts großartig zu diskutieren. Bei Aufsätzen im Fach Deutsch ist das meist eine andere Geschichte. Während der eine Lehrer den eigenen Stil als gut bewertet, kann der andere damit nichts anfangen, weshalb es hier nicht selten zu Schwankungen in der Endbewertung kommt.

Auch in unserem Feld zeigt die Praxis, dass es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Lehrern und Prüfern kommt, wenn es um die Einstufung eines Schülers geht. Betrachtet man alleine die vorher angesprochenen Kann-Beschreibungen, so lassen die vagen Formulierungen durchaus einen gewissen Spielraum für Interpretationen zu.

Was genau heißt beispielsweise bei Niveau B2, der Sprecher kann sich ohne „größere Anstrengung“ verständigen? Wie groß darf „größer“ sein? Was heißt überhaupt, der Lerner kann dies oder jenes „verstehen“? Reichen 80% verstehen aus oder müssen es 100% sein, um das gewünschte Lernziel zu erreichen? Sie sehen, die Kann-Beschreibungen und die damit verbundenen Niveaustufen geben grobe Richtwerte an, die aufgrund der Natur von Sprache nicht so präzise sein können wie z.B. im Fach Mathematik oder Physik.

In Bezug auf die Arbeitswelt sehe ich des Weiteren ein großes Problem darin, dass der GER vorwiegend einen handlungsorientierten Ansatz verfolgt und weniger Wert auf formale Richtigkeit der Sprechleistung legt. Das soll nicht heißen, dass Grammatik keinerlei Rolle spielt. Allerdings steht klar die Kommunikation im Vordergrund. Wenn die Intention des Sprechers deutlich wird, dann ist zumindest in den Stufen bis B1 das wichtigste Ziel erreicht und bei grammatikalischen Unsicherheiten kann dann eher mal ein Auge zugedrückt werden. Wie wir leider immer häufiger miterleben müssen, rächt sich diese Praxis allerdings später in den höheren Stufen und auch in der Berufswelt, wo in Emails oder Kundengesprächen eine einwandfreie Beherrschung der Sprachregeln vorausgesetzt wird.

Bei allen Einwänden soll allerdings gesagt sein, dass der GER auch große Vorteile mit sich bringt. Abschlüsse werden vergleichbar, Schüler können sich selbst anhand der Stufen besser einschätzen und auch für die Arbeitswelt bietet die Benotung nach diesem Schema zumindest einen ersten Orientierungspunkt.

Wie erleben Sie die Integration Ihrer Sprachschüler in der Berufswelt? 

Ich habe in meiner Laufbahn bereits häufiger in enger Kooperation mit Unternehmen und Berufsschulen zusammengearbeitet und Schüler während ihrer Ausbildung, Praktika oder ihrer Anfänge im Berufsleben begleitet. Leider zeigte sich häufig, dass v.a. der Übergang von Sprachschule zum Arbeitsleben nicht immer ganz einfach ist. Die sprachlichen Anforderungen sind oftmals enorm und wirken auf viele ausländische Berufsanfänger erschreckend. Aller Anfang ist schwer, besonders, wenn man nicht in seiner eigenen Muttersprache agieren kann. Da wünschte ich mir auch von Arbeitgeberseite manchmal etwas mehr Verständnis. Allerdings ist auch klar, dass ohne ausreichende Sprachkenntnisse ein reibungsloser Ablauf am Arbeitsplatz nicht möglich ist.

Welchen Rat können Sie also Unternehmen geben, die gerne auch verstärkt internationales Personal in ihrer Belegschaft aufnehmen möchten?

Ich denke, die erfolgreiche Weichenstellung beginnt bereits beim Vorstellungsgespräch. Die Sprachkenntnisse jedes Sprechers sind so individuell wie er selbst. Daher sollten die Niveaustufen des GER lediglich als Vorauswahlkriterium dienen, um einen Kandidaten bei sich einzuladen. Der Härtetest erfolgt dann am besten im direkten Gespräch.

Für viele Stellen, in denen beispielsweise Kundenverkehr eine Rolle spielt, wird das Niveau B2 als Mindestanforderung gesetzt. Ob der Kandidat allerdings über ein gutes oder weniger gutes B2 Niveau verfügt, sagt die Note allein nicht unbedingt aus. Daher wäre es in einem Interview immer ratsam, auch die Sprachkenntnisse mit verhältnismäßig einfachen Mitteln zu prüfen. Scheuen Sie sich nicht, den Kandidaten z.B. spontan eine kurze Email in Ihrem Beisein schreiben zu lassen. Wie bereits angedeutet gibt es oftmals große Diskrepanzen zwischen den Kenntnissen des gesprochenen und des geschriebenen Deutsch! Vielleicht hat ein Unternehmen auch einen eigenen Test entwickelt. Auch das kann natürlich helfen, gezielt und bedarfsgerecht zu klären, ob die kommunikativen Fähigkeiten ausreichen.

Aber ein persönliches Gespräch mit entsprechendem Fokus auf die Sprachkenntnisse des jeweiligen Kandidaten kann das nicht ersetzen. Wenn die Qualifikation und die „Chemie“ passen, aber die Sprachkenntnisse einen Chef noch skeptisch stimmen, kann ich wirklich nur dahingehend appellieren, dem Bewerber wenigstens eine Chance zu geben. Arbeitet ein gut qualifizierter Kandidat in einem deutschen Umfeld, das konsequent und ausschließlich auf Deutsch mit ihm kommuniziert, dann werden sich die Fertigkeiten in der Regel massiv und schnell verbessern! Integration geht nur über Sprache, Sprache geht nur über Integration. Damit sich die Katze hier nicht in den Schwanz beißt, bedarf es Mühe und Anstrengung auf allen Seiten!

Über Carolyn Klein

Carolyn Klein ist eine langjährige zertifizierte Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, die in unterschiedlichen Unternehmen und Sprachschulen tätig war. Dabei hat sie nicht nur Sprachkurse der unterschiedlichen Niveaustufen (A1-C2) betreut, sondern war auch u.a. mit Bewerbungstrainings,  der Berufsorientierung sowie beruflichen Begleitung ihrer Schüler und Kunden betraut. Neben ihrer Lehrtätigkeit unterstützt sie uns auch bei ageneo als Marketing Associate.

 

Anna Mirabichvili – Marketing and Communications

 

*Allein aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei der Personenbezeichnung in diesem Beitrag auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Die verkürzte Sprachform hat lediglich redaktionelle Gründe und beinhaltet keinerlei Wertung. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für alle Geschlechter.

 

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