Die Kurzanalyse
Die Kurzanalyse zeigt ein auffälliges Spannungsfeld: Medizinstudierende sind fachlich extrem nah an der Pharmaindustrie und gleichzeitig emotional und reputativ aber erstaunlich weit weg. Genau darin liegt das Versäumnis der Branche.
Besonders deutlich wird das an vier Punkten:
- Pharma ist für Mediziner*Innen kaum Wunschbranche.
Während 83,3 % der Medizinstudierenden Medizin/Medizintechnik als bevorzugte Einstiegsbranche nennen, spielt Pharma als Berufsfeld offenbar nur eine Nebenrolle. In der allgemeinen Arbeitgeberattraktivität bewerten nur 17 % der Mediziner die Pharma-Branche als attraktiv; der niedrigste Wert aller befragten Fachgruppen. - Das Imageproblem trifft Mediziner*Innen besonders stark.
Nur 35 % der Medizinstudierenden haben ein positives Bild der Pharma-Branche. Gleichzeitig sehen 67 % das kritische öffentliche Image als Nachteil eines Berufseinstiegs, was deutlich mehr ist als jede andere Fachgruppe. - Dabei erkennen Mediziner*Innen sehr wohl die Innovationskraft.
Medizinstudierende verbinden Pharma überdurchschnittlich stark mit Forschung & Entwicklung: 92 % assoziieren die Branche damit. Auch das innovative und forschungsnahe Tätigkeitsfeld sehen 63 % der Mediziner*Innen als Vorteil; dies bildet wiederum den höchsten Wert aller Fachbereiche. - Mediziner*Innen legen besonders großen Wert auf Ethik, Sinn und gesellschaftlichen Beitrag.
Für 42 % der Mediziner*Innen ist Sinnhaftigkeit bzw. der Beitrag zur Gesundheit ein wichtiges Arbeitgebermerkmal. Noch stärker: 67 % nennen Nachhaltigkeit und ethisches Handeln als relevant; ebenfalls Spitzenwert. Genau hier müsste Pharma eigentlich punkten. Tut sie aber offenbar nicht ausreichend.
Die übersehene Zielgruppe: Warum die Pharmaindustrie Mediziner*Innen viel stärker für sich gewinnen muss
Die Pharmaindustrie hat ein Nachwuchsproblem, das auf den ersten Blick gar nicht wie eines aussieht. Denn grundsätzlich ist das Interesse an der Branche vorhanden. Viele Studierende erkennen ihre Stabilität, ihre Forschungskraft, ihre wirtschaftliche Bedeutung und ihre attraktiven Karriereperspektiven. Doch ausgerechnet eine Zielgruppe, die für die Industrie besonders wertvoll ist, bleibt erstaunlich distanziert: angehende Mediziner*Innen.
Das ist mehr als ein Recruiting-Thema. Es ist ein strategisches Versäumnis und ein gelebtes ‚Missverständnis‘.
Denn Mediziner*Innen sind für die Pharmaindustrie weit mehr als potenzielle Mitarbeitende in Forschung und Entwicklung. Sie bringen ein Verständnis mit, das keine andere Zielgruppe in dieser Form besitzt: die Nähe zum Patienten, den Blick für Versorgung, die Sensibilität für medizinische Relevanz und die Fähigkeit, wissenschaftliche Evidenz in klinische Praxis zu übersetzen. Genau diese Perspektive ist entscheidend – in Medical Affairs, klinischer Entwicklung, Pharmakovigilanz, Patient Safety, Market Access, Patient Engagement, Real-World-Evidence-Projekten, Medical Education oder strategischen Rollen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Versorgung und Markt.
Trotzdem gelingt es der Branche offenbar kaum, Medizinstudierende wirklich abzuholen.
Die Zahlen des aktuellen Branchen-Barometers Pharmazie sind eindeutig. Nur 17 Prozent der Medizinstudierenden bewerten die Pharmaindustrie als attraktiven Arbeitgeber. Nur 35 Prozent haben ein positives Image der Branche. Gleichzeitig nennen 67 Prozent der Mediziner das kritische öffentliche Image als Nachteil eines Berufseinstiegs. Keine andere befragte Fachgruppe sieht das Image der Pharmaindustrie so stark als Hemmnis.
Das ist bemerkenswert und für die Industrie durchaus unbequem. Denn die Distanz entsteht nicht aus Desinteresse an Wissenschaft oder Innovation. Im Gegenteil: 92 Prozent der Medizinstudierenden verbinden Pharma mit Forschung und Entwicklung. 63 Prozent sehen ein innovatives und forschungsnahes Tätigkeitsfeld als klaren Vorteil der Branche. Mediziner*Innen verstehen also sehr wohl, dass in der Pharmaindustrie wissenschaftlich hochrelevante Arbeit geleistet wird. Sie erkennen den Innovationsmotor. Sie sehen die Forschungskraft. Aber sie übersetzen diese Wahrnehmung offenbar nicht in Arbeitgeberattraktivität.
Genau hier liegt das kommunikative Problem.
Die Pharmaindustrie wird von Mediziner*Innen nicht primär als Ort wahrgenommen, an dem sie ihre medizinische Haltung, ihren Anspruch an Ethik und ihren Wunsch nach Beitrag zur Gesundheit verwirklichen können. Dabei wären genau das ihre stärksten Argumente. Denn Medizinstudierende legen überdurchschnittlich viel Wert auf Sinnhaftigkeit, gesellschaftlichen Beitrag und ethisches Handeln. 42 Prozent nennen Sinnhaftigkeit und Beitrag zur Gesundheit als wichtiges Arbeitgebermerkmal, 67 Prozent Nachhaltigkeit und ethisches Handeln. Damit formuliert diese Zielgruppe sehr klar, was sie erwartet: nicht nur Karriere, nicht nur Gehalt, nicht nur Forschung, sondern Glaubwürdigkeit, Sinnstiftung und ein Mehrwert für die Menschen.
Für Pharmaunternehmen bedeutet das: Wer Mediziner*Innen gewinnen will, muss anders kommunizieren. Es reicht nicht, auf „Innovation“, „Pipeline“ oder „Forschungsexzellenz“ zu verweisen. Diese Botschaften sind wichtig, aber sie greifen zu kurz. Mediziner wollen verstehen, welchen konkreten Beitrag ihre Arbeit für Patientinnen und Patienten leistet. Sie wollen sehen, wie Entscheidungen getroffen werden. Sie wollen erleben, dass medizinische Qualität, Transparenz und Verantwortung nicht nur behauptet, sondern gelebt werden.
Bridging the Gap
Die Branche muss daher stärker zeigen, wo medizinische Expertise außerhalb der Klinik Wirkung entfalten kann. Viele Studierende kennen die Vielfalt pharmazeutischer Berufsfelder kaum. Insgesamt geben 73 Prozent der Befragten an, nur ein eingeschränktes oder gar kein klares Bild von den Tätigkeitsmöglichkeiten in der Pharmaindustrie zu haben. Bei Medizinern fühlen sich nur 17 Prozent gut über Berufsfelder informiert. Das ist ein alarmierender Befund: Eine Zielgruppe mit enormer strategischer Bedeutung weiß offenbar kaum, welche Rolle sie in der Industrie spielen könnte.
Geschäftsführerin Dilsâd Babayigit dazu: „In fast jedem Gespräch mit Mediziner*Innen erleben wir das gleiche: Die Bekanntheit relevanter Berufsfelder innerhalb der Pharmaindustrie beschränkt sich stark auf regulatorische und vertriebsnahe Rollen. Kurzum: Auf Bereiche, in denen Mediziner*Innen möglicherweise schon Kontakte zu Personen aus der Industrie hatten. Dass die Berufsfelder für Mediziner*Innen aber deutlich über diese genannten Felder hinausgehen, findet weder im universitären Curriculum noch in anderen für die Zielgruppe leicht zugänglichen Informationsquellen ihren Platz.“
Dabei wäre das der beste und auch einfachste Zugang.
Relevante Berufsfelder für Mediziner*Innen
Pharmaunternehmen brauchen Mediziner*Innen nicht nur in der Entwicklung neuer Therapien. Sie brauchen sie überall dort, wo medizinische Evidenz, Versorgungspraxis und Patientennutzen zusammenkommen. In Medical Affairs übersetzen sie wissenschaftliche Daten in medizinische Relevanz. In der klinischen Forschung helfen sie, Studien realistisch, ethisch und patientennah zu gestalten. In Market Access bringen sie den Blick dafür ein, welche Innovation im Versorgungssystem tatsächlich ankommt. In der Pharmakovigilanz tragen sie zur Sicherheit von Therapien bei. In strategischen Rollen helfen sie, medizinische Bedürfnisse frühzeitig zu erkennen und Unternehmensentscheidungen stärker am tatsächlichen Nutzen auszurichten.
Gerade deshalb ist es so problematisch, dass die Branche diese Zielgruppe zu wenig erreicht. Denn Mediziner*Innen sind nicht nur ein Talentpool. Sie sind auch Vertrauensbrücken. Zwischen Industrie und Versorgung. Zwischen Daten und Anwendung. Zwischen Innovation und Patient.
Wenn die Pharmaindustrie ihr Image bei Mediziner*Innen verbessern will, muss sie früher, konkreter und ehrlicher sichtbar werden. Nicht erst am Ende des Studiums. Nicht nur über klassische Stellenanzeigen. Sondern über echte Einblicke: Hospitationen, Medical-Affairs-Formate, Fallstudien aus der klinischen Entwicklung, Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten in der Industrie, transparente Diskussionen über ethische Dilemmata, Patient-Impact-Stories und praxisnahe Karrierepfade.
Die gute Nachricht ist: Die Distanz ist nicht unüberwindbar. Sie ist vor allem ein Wahrnehmungs- und Kommunikationsproblem. Medizinstudierende erkennen die Forschungskraft der Branche. Sie sehen ihre Innovationsnähe. Sie interessieren sich für sinnstiftende Arbeit. Was fehlt, ist die glaubwürdige Verbindung zwischen pharmazeutischer Tätigkeit und medizinischem Selbstverständnis.
Genau diese Verbindung muss (und kann!) die Industrie herstellen.
Denn wer Mediziner*Innen für sich gewinnen will, darf sie nicht nur als wissenschaftliche Fachkräfte betrachten. Er muss sie als das ansprechen, was sie sind: Menschen mit einem starken beruflichen Ethos, einem hohen Anspruch an Verantwortung und einem tiefen Interesse daran, Gesundheit konkret zu verbessern.
Die Pharmaindustrie hat dafür viel zu bieten. Aber sie zeigt es dieser Zielgruppe noch zu selten überzeugend genug.
Sie suchen Mediziner*Innen?
Mediziner*Innen sind seit Gründung eine der Hauptzielgruppen bei ageneo Life Science.
Wenn auch Sie Mediziner*Innen suchen, sei es für die R&D, Medical Affairs, Pharmacovigilance oder andere Bereiche, wenden Sie sich gern an uns. Frau Dilsâd Babayigit steht hierfür gern zur Verfügung.