5 Fragen an … Christine Bronner, Stifterin und geschäftsführender Vorstand der Stiftung ambulantes Kinderhospiz München (AKM)

5 Fragen an … Christine Bronner, Stifterin und geschäftsführender Vorstand der Stiftung ambulantes Kinderhospiz München (AKM)

10.11.2020

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ageneo-Mitarbeiter* und Geschäftspartner* melden sich zu Wort: Von unseren Consultants bis hin zur Geschäftsleitung und langjährigen Wegbegleitern – hier hat jeder eine Meinung. Die Kollegen berichten über ihren Weg zur Personalberatung, was ihnen bei ageneo gefällt und geben Tipps für potenzielle Bewerber. Geschäftspartner berichten über Inside-News aus den Life-Sciences und vieles mehr.

 

ageneo unterstützt bereits seit einigen Jahren die Stiftung Ambulantes Kinderhospiz München (AKM) mit Geldspenden oder bei Aktionen. Erfahren Sie hier mehr zu unserer Herzensangelegenheit in unserem Gespräch mit Christine Bronner, Stifterin und geschäftsführender Vorstand der Stiftung AKM. 

Liebe Frau Bronner, können Sie zum Einstieg kurz die Arbeit der Stiftung Ambulantes Kinderhospiz München skizzieren?

Wir betreuen seit 2004 Familien mit unheilbar kranken und lebensbedrohlich schwersterkrankten Ungeborenen, Neugeborenen, Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Eltern in München und ganz Bayern. Unsere Stiftung hat sich hier einem sehr breiten Arbeitsfeld verschrieben, wobei es die Familien selbst waren, die uns eingearbeitet und aufgezeigt haben, wo genau wir gebraucht werden. So haben wir zunächst mit der Kinderhospizarbeit angefangen, sind dann in die Krisenintervention und die Traumapsychologie gegangen und haben dann auch die dringende Notwendigkeit der Nachsorge erkannt. D.h. wir sind – je nach Wunsch und Fall – ab der Diagnose bis über den Tod hinaus im Einsatz. Denn für uns steht die ganzheitliche Situation der Familie im Fokus. Neben der Sicherung der medizinischen und therapeutischen Versorgung der kleinen Patienten zählt also auch die Begleitung und alltägliche Entlastung der ganzen Familie zu unseren Aufgaben. In unseren vier ambulanten Zentren leisten wir zudem Angehörigen- und Pflegeberatung und haben pro Zentrum eine Krisenambulanz mit 24h Krisentelefon und Einsatzteam. Wie gesagt, unser Arbeitsbereich ist sehr vielfältig!

Heute wird immer wieder von der Work-Life-Balance gesprochen. Was geht Ihnen bei diesem Begriff durch den Kopf und wie ist es um die Work-Life-Balance in Ihrem Feld bestellt, wo es täglich um die existenziellen Fragen des Lebens und Sterbens geht?

Gerade bei uns ist dieses Thema absolut lebensnotwendig. Jemand, der ausbrennt, hat nichts mehr zu geben. Daher muss jeder zuerst auf sich schauen, damit man nicht psychisch und physisch an die Wand fährt. Unsere Mitarbeiter müssen sich aktiv individuelle Kraftquellen suchen, wo sie auftanken können. Das machen wir beispielsweise auch in unseren Ausbildungen für Ehrenamtliche sehr deutlich! Mit der Zeit und den vielen Erfahrungen gewinnt man dann auch immer mehr an professionellem Abstand, was jedoch nicht heißt, dass man davor gefeit ist, Fälle zu nah an sich ranzulassen und mit nach Hause zu nehmen. Das Mittel der Wahl sind hier Einzel- und Gruppensupervision, die auch präventiv regelmäßig durchgeführt werden. Des Weiteren finden kollegiale Beratungen, Teamgespräche und Fallbesprechungen fortlaufend statt.

Manchmal, wenn man merkt, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen, ist es einfach auch mal notwendig, sich einige Tage freizunehmen. Eine halbe Fachkraft, die voll da sein müsste, hilft uns einfach nicht. Daher ermuntere ich tatsächlich Einzelne sich eine Auszeit zu nehmen, wenn ich sehe, dass die Arbeit zu stark ins Privatleben eindringt.

Des Weiteren darf nicht unterschätzt werden, wie hilfreich und haltgebend ein spirituelles Fundament in unserer Arbeit ist. Zu rationale Menschen tun sich in der Hospizarbeit eher schwer. Des Weiteren sind missionarisch veranlagte Persönlichkeiten genauso fehl am Platz wie Menschen mit chronisch pathologischem Helfersyndrom. Es bedarf schon einer ziemlich stabilen Persönlichkeitsstruktur, um unsere Arbeit machen zu können und dabei Work und Life in Balance zu halten. Man merkt meist schon innerhalb des ersten Jahres, ob man der Sache gewachsen ist oder nicht.

Als Laie mag manch einer annehmen, dass Hospizarbeit überwiegend von der Krankenkasse abgedeckt ist. Wie weit gehen denn tatsächlich die Kassenleistungen und was ist finanziell nötig, um eine professionelle Betreuung sicherstellen zu können?

Natürlich kommt es auf die jeweilige Leistung an, die zu erbringen ist. Generell gilt jedoch: Unterfinanzierung besteht überall, aber am meisten bei der Nachsorge und der Krisenintervention.

Was die Kinderhospizarbeit betrifft, so müssen bei einem stationären Aufenthalt noch 20% an Spenden zusätzlich akquiriert werden, um die anfallenden Kosten zu decken. Im ambulanten Bereich hingegen liegen wir bei etwa nur 50%, die gegenfinanziert sind!

Dabei muss man wissen, dass Kinderhospizarbeit bewusst gefördert angelegt ist, damit die permanenten Spendenaufrufe die an sich unbequemen Themen Sterben und Tod im gesellschaftlichen Bewusstsein halten. Ohne Spendenabhängigkeit – so befürchtet man – würde die gesamte Thematik totgeschwiegen. Wenn man die Politik und die Gesellschaft anschaut, hat das sicherlich schon seine Berechtigung. Wenn Sie mich allerdings persönlich fragen, würde mich eine Vollfinanzierung seitens der Krankenkassen zweifellos ruhiger schlafen lassen.

Kinderhospizarbeit ist nun einmal besonders kostenintensiv. Im Schnitt liegt unsere Betreuungsdauer bei 1-2 Jahren. Das ist ein sehr langer Zeitraum verglichen etwa mit der Erwachsenenarbeit. Der Körper alter Menschen ist im Abbau begriffen, was oft krankheitsbeschleunigend wirkt. Der Körper eines Kindes hingegen befindet sich im Aufbau. Sie haben keine Vorstellung, welche Ressourcen viele Kinder noch aktivieren können und wie häufig ärztliche Prognosen kategorisch über den Haufen geworfen werden!

Also auch der Faktor Zeit führt dazu, dass der Bedarf an Spendengelder bei uns sehr hoch ist.

Auf Ihrer Homepage ist nachzulesen, dass jede helfende Hand willkommen ist. Wie kann man sich als Laie bei Ihnen engagieren?

Was das Ehrenamt betrifft, kann man z.B. als geschulte Familienbegleitung direkt in die Familien gehen und u.a. die Hausaufgabenbetreuung eines Geschwisterkindes übernehmen, mit den Kindern spielen oder gerade dort unter die Arme greifen, wo Hilfe gebraucht wird. So werden die Eltern für eine Weile entlastet.

Aber auch in Akutsituationen können Laien durchaus zum Einsatz kommen, allerdings nur nach einer intensiven Schulung von insgesamt 200 Unterrichtsstunden von unserer Seite.

Zudem sind patientenferne Tätigkeiten möglich, wie z.B. Flyern oder uns mit einem Stand öffentlich vertreten. Wer sich in unserem Freundeskreis engagieren möchte, kann auch kreativ tätig werden und überlegen, mit welchen Projekten und Aktionen uns geholfen werden kann.

So vielfältig unser Arbeitsfeld ist, so divers und multiprofessionell ist auch unsere Belegschaft aufgestellt. Neben dem professionellen Setting im Hauptamt von Pflegekräften, Psychologen, Sozialpädagogen und Ärzten, benötigen wir auch das Know-how verschiedenster Berufsgruppen, wie z.B. Juristen, Marketingvertretern usw.

Aber das Herz unserer Stiftung ist und bleibt das Geld! Und das muss eingeworben. Jede helfende Hand ist hier und in den anderen Bereichen herzlich willkommen!

Corona beherrscht unser aller Alltag wie kaum ein anderes Thema. Wie hat sich die Pandemie auf die finanzielle Lage des AKM ausgewirkt?

Die Kosten sind natürlich auch bei uns explodiert. Wir haben u.a. einen erheblichen Mehrkostenfaktor in Punkto Ausrüstung. Je nach Krankheitsbildern müssen wir den Corona-Bedingungen Rechnung tragen und entsprechend nachrüsten.

Auch die Kosten für IT sind drastisch gestiegen, da die Notwendigkeit von Telemedizin, Telebetreuung und virtuellen Unterhaltungsprogrammen für Kinder Investitionen verlangt haben.

Mehrkosten sind auch im Personal angefallen, weil Corona den Arbeitseinsatz immens erhöht hat. Es wurden u.a. Urlaube abgesagt, da wir rund um die Uhr gearbeitet haben. Schließlich mussten wir verhindern, dass unsere Familien in dieser schwierigen Zeit zuhause in der Isolation zusammenbrechen. Unsere Mitarbeiter haben eine Coronazulage erhalten, damit sie die Betreuung ihrer eigenen Kinder stemmen konnten, wir mussten Ehrenamtliche geringfügig beschäftigen, damit wir sie unter Corona-Bedingungen überhaupt einsetzen konnten oder haben einen Elternzeitbonus eingeführt, damit die Elternzeit auch trotz der Krisensituation genommen wurde.

Alles in allem haben wir inzwischen ein Defizit von 200.000 € im Vergleich zum Vorjahr zu beklagen. Nebenbei müssen wir noch Mehrkosten finanzieren, die aufgrund unserer vier neuen teilstationären Projekte und dem damit verbundenen Bau von vier ambulanten Zentren entstanden sind. Auch ohne Corona sind das sehr ambitionierte Pläne, die mich neben weiteren Aufgaben sehr viel Kraft kosten. So etwas wie in den letzten Monaten habe ich noch nicht erlebt und mich hat diese Zeit schon auch an die Grenzen meiner persönlichen Belastbarkeit gebracht.

Aber bis jetzt kann man sagen, dass wir alles gut geschafft haben und die Dinge am Laufen sind. Dennoch, wir fahren auf Sicht, alles ist auf Kante genäht und wir sind jetzt um jede Hilfe und jede Spende dankbarer denn je!

Vielen Dank für das sehr ausführliche und informative Gespräch!

 

Carolyn Klein – Marketing Associate

 

*Allein aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei der Personenbezeichnung in diesem Beitrag auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Die verkürzte Sprachform hat lediglich redaktionelle Gründe und beinhaltet keinerlei Wertung. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für alle Geschlechter.

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